"Dein sexueller Wunsch überfordert mich."


Anliegen aus der Alternativen Sexualtherapie


"Mein Partner/meine Partnerin hat mir einen sexuellen Wunsch gestanden, der mich überfordert."

 

Wenn man über Alternative Sexualität aufklärt, geht es häufig darum, wie Menschen mit alternativen Neigungen ihre Scham abbauen können, wie sie lernen, ehrlich zu kommunizieren und offen darüber zu sprechen und wie man Stigmatisierung insgesamt abbaut.

Nicht weniger wichtig ist aber die Seite des Gegenübers - vor allem dann, wenn das Gegenüber von den Wünschen des anderen überfordert ist. Das ist nicht selten und noch dazu nicht nur legitim, sondern naheliegend: Wer gewisse Neigungen selbst nicht hat und vielleicht nie Berührungspunkte damit hatte, für den können bestimmte Fantasien, Vorlieben oder Wünsche befremdlich, überfordernd oder gar überwältigend sein. Umso mehr, wenn sie gerade von dem Menschen kommen, mit dem man das Intimste teilt.

Erstens weil es nicht in einer Fernseh-Doku erscheint, sondern in der eigenen Lebenswelt, der eigenen Realität und damit die Abgrenzung schwieriger ist.

Zweitens weil es um einen Menschen geht, der einem emotional nahesteht, was auch der Sache/dem Gespräch eine gewisse Emotionalität hinzufügt.

Und drittens weil es die Person ist, mit der man die Sexualität teilt, was dazu führt, dass man sich selbst automatisch mit der Frage konfrontiert sieht, ob man diese Sache selbst erfahren/erleben/ausleben möchte.


Wenn dann alte Glaubenssätze oder bestimmte Bilder von Sexualität bestehen, negative Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht wurden, wenn man eine andere Haltung zu Sexualität hat, vielleicht nicht ganz so offen ist, weil man einfach gelernt hat, eine gewisse Hemmschwelle nicht zu überschreiten und es einem schwer fällt, über Sexualität zu sprechen oder sich für Unkonventionelles zu öffnen, dann muss hier erst einmal dasselbe Verständnis walten wie umgekehrt. Beide Situationen können schwierig sein und für beide Situationen können die jeweiligen Menschen selbst erst einmal nichts oder nicht viel. Wir alle haben unseren Umgang mit Sexualität irgendwo gelernt. Manche von uns haben sich selbst ein paar zusätzliche Dinge beigebracht, andere nicht. Wer nicht möchte, dass über das eine nicht geurteilt wird, sollte auch über das andere nicht urteilen. Solange ich selbst die Neigung, den Wunsch meines Gegenübers also nicht verurteile darf ich dasselbe Verständnis auch für meine Gefühle einfordern. Deshalb gilt auch für denjenigen, der den Wunsch oder die Vorliebe äußert, eventuelle Abwehr/erstes Unverständnis nicht persönlich zu nehmen, sondern als das zu sehen, was es ist: Eine naheliegende Reaktion auf Basis dessen, was derjenige über Sexualität gelernt hat. Denjenigen dafür als "verklemmt" zu bezeichnen, ist genauso wenig zielführend wie den anderen "pervers" zu nennen. Wichtig ist also in erster Linie, wie beide mit dem jeweils anderen umgehen.


Aber was mache ich nun konkret, wenn mich eine Fantasie oder ein Wunsch meines Partners/meiner Partnerin überfordert?


  1. Ich versuche, meine Gefühle bewusst wahrzunehmen, vielleicht zu benennen und sie dann einzuordnen. Vielleicht fühle ich Abneigung, Scham/Ekel, Unverständnis, Irritation, Überforderung, Abwehr/das Bedürfnis, mich zu verteidigen, mich abzugrenzen. Ich nehme sie wahr, benenne sie wenn möglich und akzeptiere sie.

  2. Ich handle nicht nach dem ersten Impuls oder auf Basis dieser Gefühle und versuche, Wertungen zu vermeiden. Wenn ich möchte, dass meine Gefühle akzeptiert werden, sollte ich auch versuchen, die Gefühle meines Gegenübers zu akzeptieren. Ich vermeide also wertende und urteilende Äußerungen wie "das ist doch nicht normal" oder "hast du sie noch alle?" sowie Begriffe wie "unnormal", "krank", "pervers" und ähnliche. Wenn ihr das Gefühl habt, den Impuls solcher Äußerungen nicht unterdrücken zu können, verlasst lieber die Situation und sagt, dass ihr kurz 5 Minuten für euch braucht. Atmet dann in Ruhe durch, lenkt euch kurz ab, spaziert eine Runde um den Block oder macht etwas anderes, das euch erlaubt, euch zu ordnen und auf euch zu achten.

  3. Anschließend gibt es zwei Richtungen: Entweder ich bin nur irritiert und habe Schwierigkeiten, den Wunsch meines Gegenübers zu verstehen, der in mir noch immer ein befremdliches Gefühl der Abneigung auslöst. Aber ich bin in der Lage, meine Impulse zu kontrollieren und sachlich zu sprechen. Dann kann ich in ein konstruktives Gespräch einsteigen (siehe a/b/c). Oder ich bin weiterhin überfordert, spüre eine emotionale Blockade, eine "Mauer" der Abneigung, Unverständnis und schaffe es nicht, meine negativen Gefühle zu kontrollieren (siehe x/y/z).


(a) Ich versuche, den Wunsch meines Gegenüber erst einmal kognitiv zu verstehen und Details im Zweifel durch Fragen nachzuholen: Worum geht es genau? Was daran erregt dich? Wie funktioniert...? Warum erregt dich das? Usw. Was wir verstehen, können wir einordnen. Allem, was wir nicht verstehen, begegnen wir instinktiv mit Skepsis oder gar Abneigung.

(b) Ich kommuniziere meine Gefühle und ersten Eindrücke, damit mein Gegenüber weiß, was in mir vorgeht. Also zum Beispiel: "Ich glaube, ich verstehe, worum es geht, kann mir das aber in der Realität immer noch nicht vorstellen." / "Ich bin immer noch irritiert und weiß noch nicht so recht, was ich damit anfangen soll." / "Ich möchte versuchen, den Reiz dahinter zu verstehen, auch wenn es mir ehrlich gesagt noch schwer fällt." Wichtig ist hier, einfach ehrlich zu sein. Dein Partner/deine Partnerin hat dir ein intimes Detail von sich verraten, das ihn/sie Überwindung gekostet hat und ist das Risiko eingegangen, bei dir ein negatives Gefühl hervorzurufen - dasselbe darfst du auch tun. Das legt die Basis für den nächsten Schritt, den ihr dann gemeinsam machen könnt. (c) Je nach dem, wie es mir mit der Situation geht, kann ich nun in meinem Tempo den weiteren Weg zulassen und abstimmen. Ich kann ein paar Tage darüber nachdenken. Ich kann fragen, wie mein/e PartnerIn sich das nun konkret vorstellt und wir können versuchen, einen gemeinsamen Weg zu finden.

 

(x) Ich versuche, meine Gefühle ehrlich zu kommunizieren, aber achte darauf, bei mir zu bleiben und den anderen und seine Gefühle dabei nicht abzuwerten. Das muss keine komplexe Erklärung sein. Wenn ich mich überfordert fühle, darf ich einfach nur sagen "Das überfordert mich gerade" oder "ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll" und dann bitte ich um Zeit. Wenn ich es schaffe, versichere ich meiner/m Partner/in noch, dass meine Reaktion nichts mit ihm/ihr zu tun hat, sondern es sich um meine Gefühle handelt. Die oberste Priorität ist es, mich selbst nichts auszusetzen, womit ich nicht klarkomme (das ist vor allem relevant, wenn ich selbst schlechte Erfahrungen oder gar sexuelle Übergriffe/Traumata erlebt habe und mein Gegenüber mich mit etwas konfrontiert (vielleicht ohne das zu wissen), was mich triggert). Die zweite Priorität ist es, mein Gegenüber und seine Neigung/seinen Wunsch nicht abzuwerten und stattdessen seine/ihre Ehrlichkeit als Vertrauensbeweis zu sehen. (y) Anschließend nehme ich mir Zeit, um das Gehörte zu ordnen. Das kann bedeuten, ich recherchiere im Internet, ich spreche mit Bekannten oder Freunden oder anderen Menschen, die diese Neigung vielleicht schon kennen. Es kann hilfreich sein, sich die Wünsche und ihre Hintergründe von neutralen Personen erklären zu lassen, weil es uns hier leichter fällt, unsere Emotionen vom Inhalt zu trennen. Ich kann versuchen, darüber nachzudenken, was für mich infrage kommt, was ich mir vorstellen kann, was Alternativen sein können und wo meine Grenzen liegen könnten bzw. an welcher Stelle ich meine eigenen Grenzen noch nicht kenne und inwieweit ich bereit bin, das herauszufinden. All das überlege ich mir in Ruhe für mich selbst, mache mir vielleicht Notizen, notiere mir weitere Fragen und suche dann, geordnet, erneut das Gespräch mit meinem Partner/meiner Partnerin, um einen gemeinsamen Weg zu finden.

(z) Wenn ich deutliche/nicht nachlassende Überforderung spüre, das Gefühl habe, meine/n Partner/in als anderen Menschen wahrzunehmen bzw. ihn/sie "nicht mehr wiederzuerkennen", kann es hilfreich sein, mit jemandem zu sprechen. Je nach Bedürfnis kann das ein nahestehender Mensch sein, ein Freund oder sogar jemand Professionelles (ein Psychotherapeut/Traumatherapeut kommt vielleicht infrage, wenn ich getriggert wurde und das Gefühl habe, damit nicht mehr allein klarzukommen; ansonsten gibt es Sexualtherapeuten und Coaches, die hier gute Ansprechpartner sein können).

 

Ganz allgemein gilt: Seid achtsam mit euch und euren Gefühlen und den Gefühlen eures Gegenübers. Versucht, erste Impulse zu kontrollieren, aber über sie zu sprechen. Formuliert eure Gedanken und Gefühle in Worte und teilt ehrlich mit, wie es euch geht, ohne dabei euch oder den anderen (ab) zu werten. Ordnet euch, sorgt für Verständnis und bleibt in der Kommunikation. Wenn ihr für euch oder als Paar das Gefühl habt, ihr kommt nicht weiter, dann denkt darüber nach, euch jemanden zu suchen, der euch ein kleines Stück auf diesem Weg begleiten kann.








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