Verbale Dominanz, Teil I Differenzierung, Hemmung & Potential

Wie geht Verbale Dominanz? Kann man Dirty Talk lernen? Wie kann ich es machen, ohne mir dabei albern vorzukommen? Das sind nur wenige von vielen Fragen, die mir rund um das Thema sehr regelmäßig gestellt werden. Bevor ich aber versuche zu erläutern, wie man Verbale Dominanz tatsächlich lernen könnte, möchte ich erst ein paar Grundlagen klären, um später gezielter mit einzelnen Vorgehen arbeiten zu können. Zuerst stellt sich also die Frage: Worin unterscheiden sich Verbale Dominanz, Dirty Talk und Verbale Demütigung? Dirty Talk hat erst einmal nichts, oder besser: nicht zwingend mit BDSM zu tun. Es geht hier um die Erotisierung vulgärer Sprache. Es werden also oft genau solche Begriffe verwendet, die im Alltag als „schmutzig ( = dirty) oder „versaut“, mindestens aber als unangemessen gelten. Das können zwar auch negativ konnotierte, also in der Regel beleidigende Begriffe sein wie „Schlampe“, für gewöhnlich geht es aber hier mehr um die vulgäre Sprache und das „Benennen, was ist“. „Lutsch meinen Schwanz“ wäre demnach ein klassisches Beispiel von Dirty Talk, weil das Nomen „Schwanz“ zwar vulgär, im Alltag unangebracht ist, aber nicht per se in einem dominanten/ beleidigenden/ BDSM-Kontext steht. Mit „Benennen, was ist“, meine ich das Sprechen über bzw. genauer: das Beschreiben von sexuellen Handlungen auf vulgäre und/oder sehr direkte Art und Weise, die im Alltag als unangemessen gilt. Ein Beispiel hierfür wäre so etwas wie „Ich liebe es, wie feucht du bist.“ In Abgrenzung dazu findet sich die Verbale Dominanz: Hier geht es schlicht darum, durch Sprache und Rhetorik ein Machtgefälle herzustellen. In einer BDSM-Session wird verbale Dominanz häufig als zusätzliches Element zur Verstärkung der Stimmung verwendet, zumal viele Menschen sich von Sprache sehr direkt erreichen lassen und somit auch leicht sexuell zu stimulieren sind. In Cam-Sessions oder Sessions via Telefon oder Chat spielt Sprache und damit die Verbale Dominanz sogar eine zentrale Rolle: Hier wird im Grunde fast ausschließlich durch Rhetorik das gesamte BDSM-Spiel gestaltet. Verbale Dominanz kann natürlich auch vulgär oder demütigend sein, allerdings ist das kein Muss. Es kann auch einfach nur darum gehen, Imperative zu verwenden und klar und deutlich, aber ruhig und sachlich zu sprechen. Statt „Bringst du mir bitte ein Glas Wasser?“ kann ein gezielt gesetztes „Bring mir ein Glas Wasser“ schon verbale Dominanz sein. Verbale Demütigung hingegen ist eine gezielte BDSM-Praktik, die der Kategorie „Demütigung“ untergeordnet ist. Demütigung kann durch Handlungen oder Situationen hervorgerufen werden. An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass auch Sprache eine Handlung sein kann - dazu später noch mehr. Hier finden sich also beleidigende, herabwürdigende und demütigende Begriffe oder Formulierungen. Entweder allgemein gehalten oder sogar fokussiert auf ein bestimmtes Thema bzw. spezialisiert auf einen bestimmten Kink. SPH (Small Penis Humiliation) ist ein gutes Beispiel hierfür: Es geht gezielt darum, durch Rhetorik und Sprache eine demütigende, spielerisch herabwürdigende Situation zu erzeugen, indem man sich innerhalb des sexuellen Rollenspiels über einen vermeintlich kleinen Penis lustig macht. Für viele Männer ist das ein lustvoller Kink, der ausschließlich durch Verbale Demütigung zustandekommt. Verbale Demütigung ist im Grunde meist auch automatisch Verbale Dominanz, während Verbale Dominanz nicht immer demütigend ist.

Warum aber fällt die Verbale Erotik so vielen Menschen so schwer - und warum ist diese Frage so relevant? Das Sprechen über Sexualität ist in unserer Gesellschaft noch immer extrem schambehaftet. Wir haben es inzwischen geschafft, auf eine sehr rationale, fast gar wissenschaftliche Art und Weise eine offenere Aufklärung zu erreichen. Wir sprechen auf Social Media über weibliche Anatomie und auf Instagram über Erektionsprobleme. Wenn auch meist anonym. Manchmal haben wir gute Freunde oder Freundinnen oder sogar eine Partnerschaft, in der wir offen über Sex sprechen können - und das ist schon eher die Ausnahme als die Regel. Aber wenn das Sprechen über Sex schon so schambehaftet ist, wie groß ist die Scham dann wohl, wenn es um das Sexuelle Sprechen geht? Es gibt einen essentiellen Unterschied zwischen dem objektiven Sprechen über Sexualität im Allgemeinen und dem subjektiven Sprechen über die eigene Sexualität. Letzteres ist schon eine Nummer schwieriger. Konsequenterweise ist es also im Grunde die Königsklasse, noch einen Schritt weiter zu gehen und „Sex zu sprechen“. Es geht nicht mehr nur darum, die eigenen Wünsche zu verbalisieren (und schon hier bewegen wir uns in einem Bereich, der einerseits Schamgefühle auslösen kann und andererseits verletzlich und angreifbar macht). Beides wird noch verstärkt, wenn wir nicht nur über die Situation, die eigenen Wünschen sprechen, sondern sie direkt umsetzen - denn nichts anderes machen wir beim Dirty Talk. Sprache ist Handlung. Um das genauer zu erklären, müssen wir einen kurzen Ausflug in die Sprechakttheorie machen - ein Bereich aus der linguistischen Pragmatik. „Pragma“ ist griechisch und bedeutet „Handlung“ - in der linguistischen Pragmatik geht es um die Frage inwieweit Sprache Handlung ist oder sein kann. Wenn ich also beispielsweise sage „es erregt mich, einen Menschen zu demütigen“, dann ist das eine Aussage, genauer eine Feststellung. Wenn ich sage „Na, fühlst du dich jetzt angemessen benutzt, du lächerlicher Sklave?“, dann ist das eine Demütigung, oder anders: Ich habe gehandelt, durch Sprache. Ich habe jemanden gedemütigt. Wenn ich sage „Ich kann mir schon vorstellen, dass du mal zu meinen Füßen kniest“, dann ist auch das eine Aussage, oder genauer: eine Vermutung. Wenn ich sage „Knie dich auf den Boden und leck mir die Füße, sonst erlebst du was!“, habe ich gehandelt - ich habe gedroht. Worauf ich hinaus will: Das Sprechen über Sex ist bereits schambehaftet und verlangt vielen von uns einiges ab, gerade wenn es nicht nur allgemein, sondern konkret und persönlich ist. Aber „Sex zu sprechen“ ist eben oft nicht mehr nur „über Sex sprechen“, sondern es eben tatsächlich auch tun. Der Unterschied wird allein schon dadurch deutlich, dass Sprache im ersten Fall nur bedingt sexuelle Erregung auslöst (beispielsweise, wenn man so lange und so einstimmig über sexuelle Wünsche spricht, dass bei beiden sexuelle Erregung entsteht, aber das ist selten das primäre Ziel solcher Gespräche), während im zweiten Fall die tatsächliche sexuelle Erregung nicht nur auftreten kann, sondern das primäre Ziel des Sprechens ist. Wichtig ist also zu begreifen: Zumindest wenn es unabhängig von BDSM um Dirty Talk und Verbale Erotik geht, ist die das Ziel weniger diese Art von Erotik zu ERlernen, sondern die Scham zu VERlernen. Und damit kommen wir zu einem weiteren Punkt, der das Thema so ambivalent und die Hemmung dahinter so groß macht: Erwartung und Erwartungshaltung. Wie macht man es richtig? Gibt es richtig und falsch hier überhaupt? Wie kommuniziere ich, wenn mir nicht gefällt, was der andere da von sich gibt, ohne ihn zu verletzen? Wie gehe ich selbst mit der Verletzung um, wenn bei meinem Gegenüber keine sexuelle Erregung entsteht oder er oder sie mir rückmeldet, dass das, was ich sage, nicht das gewünschte Ziel erreicht? Am Ende des Vorhabens „Verbale Erotik lernen“ steht die Situation, dass man sich öffnet, sich preisgibt und verletzlich macht - und zwar in einem Bereich, in dem Verletzungen oft nur schwer weggesteckt werden. Nicht umsonst schlägt Kritik an sexuellen Handlungen tiefe Wunden und triggert unsere narzisstischen Komplexe. Und um nun noch ein i-Pünktchen oben drauf zu setzen: Der BDSM-Kontext macht das Ganze noch komplexer, weil die Diskrepanz der einzelnen Zustände noch größer ist. Das Erleben von BDSM wird im Schnitt als intensiver empfunden als nicht-BDSM-lastiger Sex. Das liegt unter anderem daran, dass wir durch bestimmte Situationen oder Handlungen das Spektrum von Empfindungen, die wir erleben können, vergrößern: In nicht-BDSM-lastigem Sex befinden wir uns auf einem Spektrum von „neutral“ (also „Alltag und Netflix“) und „erregend“ (also Sex). Im BDSM vergrößern wir das Spektrum, indem wir nicht erst bei „neutral“ beginnen, sondern die Skala nach unten erweitern - wir fügen unangenehme Elemente hinzu (Schmerz, Demütigung, Verweigern und Abwarten, usw.). Die Sprünge, die wir machen können, sind größer: Von einem Netflix-Film zu sexueller Erregung ist schon ein intensives Erlebnis. Aber wer vorher gedemütigt wurde, sich degradieren lässt, Schmerz empfindet, der erlebt am Ende einen erlösenden Orgasmus, positive, wärmende Zuwendung und Zärtlichkeit geradezu als Rausch. Das Empfindungssprektrum ist breiter und dadurch die einzelnen Empfindungen und Emotionen intensiver. Dieses Konzept funktioniert auch nachteilig: Wir wagen nicht nur, uns in Sachen „Verbale Erotik“ auszuprobieren und Körperteile des Partners erotisch zu beschreiben, sondern wir gehen einen Schritt weiter: Wir demütigen, wir dominieren, wir erzeugen ein Machtgefälle, ein Rollenspiel, eine Situation, die zu unangenehmen Reizen und absoluter Ekstase führen kann. Wir haben viel zu gewinnen, aber auch viel zu verlieren. Denn wer sich bei verbaler Erotik schon „albern“ vorkommt, erntet schlimmstenfalls einen Lacher und einen „awkward moment“. Wer bei Verbaler Dominanz oder Demütigung daneben greift, fällt ein bisschen tiefer, denn wir bewegen uns ja nicht auf Augenhöhe, sondern stehen in diesem Moment des Spiels ein paar Stufen höher. Wenn wir dominant sind, wenn wir führen (oder es zumindest wollen) dann ist der Gedanke, die Vorstellung, albern zu sein, Fehler zu machen, sich zu schämen, nicht mehr nur eine Frage der Selbstsicherheit, sondern eine Infragestellen der eigenen Rolle per se. Je weiter oben wir stehen, desto tiefer können wir fallen, desto größer ist die Hemmung. Was auf dem Spiel steht, ist nicht nur das eigene Ego, der eigene Narzissmus, sondern unsere sexuelle Rolle, vielleicht sogar das Machtgefälle und damit die sexuelle Dynamik selbst. Die große Frage ist also: Warum dieses Wagnis eingehen? Warum ist Verbale Erotik (in den hier genannten Formen) auf der Seite des Empfängers so gefragt? Gerade beim Dirty Talk geht es um das Beschreiben von dem, was man im Alltag als „unaussprechlich“ wahrnimmt. Allein schon es auszusprechen, darüber zu reden und es zu benennen hat für viele Menschen eine sexuell erregende Wirkung (unterschiedlichste Studien kommen zu Ergebnissen von 50 bis 95% Prozent). Psychologisch spielt hier ein Moment mit, das in ausgesprochen vielen sexuellen Erregungsschemata eine Rolle spielt: Das Verbotene. Genauer: Das Unaussprechliche, das Unerhörte. Etwas zu tun (oder hier: zu sagen/ auszusprechen), was im Alltag und in der Gesellschaft gemeinhin mindestens unangebracht ist. Ob nun durch Gesetze, Etikette oder gesellschaftliche Richtlinien, spielt keine Rolle - aufregend (und damit auch ERregend) ist das, was man nicht darf. Das kennen wir schon aus der Kindheit (dass Aufregung und Erregung so eng miteinander verknüpft sind, beruht auf einfachen biologischen Prozessen unseres Nervensystems und unseres Hormonhaushalts, die ich an anderer Stelle erläutere und die auch zu großen Teilen erklären, warum sexuelle Fantasien wie „Sex in der Öffentlichkeit“ oder „Sex, bei dem man erwischt werden kann“ so beliebt sind und ja, sogar ein Stück weit, warum klassisches Fremdgehen so verbreitet ist).

Wenn man noch einen Schritt weiter geht, kommt man vom Dirty Talk zur Verbalen Dominanz und der Verbalen Demütigung. Beide sind beliebt bei Menschen, die im Allgemeinen eine Vorliebe für ein sexuelles Machtgefälle und sexuelle Demütigung haben. Die Frage ist aber auch hier: Warum gehört die Verbalerotik so essentiell mit dazu? Sprache ist unser erstes Mittel der Wahl, wenn wir kommunizieren. Auch nonverbale Kommunikation ist Teil eines guten sexuellen Rollenspiels und wird meist auch schon ganz unbewusst mit eingesetzt, aber grundlegend ist es wichtig zu begreifen, dass ein Rollenspiel nichts anderes als das ist: Kommunikation. Miteinander kommunizieren. Eine Situation herstellen, die beide als sexuell stimulierend empfinden. Aber wie wird nun eine solche Situation hergestellt? Wie setzen wir eine Fantasie in eine vermeintliche Realität um? Die Antwort ist vielleicht unerwartet in diesem Kontext, aber vielleicht auch naheliegend, wenn man darüber nachdenkt. Sie lautet: Genau wie im Theater - durch Symbole. Symbole sind allgemein wahrnehmbare und verständliche Zeichen, Vorgänge oder Handlungen. In einem sexuellen Rollenspiel wie BDSM machen wir nichts anderes als dass wir unterschiedlichste Symbole gebrauchen, um ein Machtgefälle herzustellen, das sich so real wie möglich anfühlen soll, während alle Beteiligten aber zu jeder wissen, dass es eben nicht real ist. Diese Symbole sind zum Beispiel bestimmte Handlungen, eine Fixierung, Kleidungsstücke oder das nicht-bekleidet-Sein und unzähliges mehr. Wenn ihr euch nun vorstellt, wie eine Session ablaufen würde, wenn von Anfang bis Ende keiner ein Wort spricht, dann ähnelt das dem Gedanken an einen Film oder ein Theater, bei dem keine Sprache zum Einsatz kommt: Natürlich ist der Stummfilm eine Kunstform, aber er ist eben auch nicht umsonst so wenig beliebt. Und auch das Theater hat seit Tausenden von Jahren nicht umsonst die Sprache als Grundlage. Bei allen könnte man also fragen: Wie viel mehr (weniger) Spannung löst das Schauspiel beim Rezipienten aus, wenn (nicht) gesprochen wird? Die Antwort ist klar. Denn natürlich geht es in einem sexuellen Rollenspiel, in einer BDSM-Session am Ende des Tages um nichts anderes als das: Den Aufbau von Spannung. Sexueller Spannung, um genau zu sein. Und Spannung baut sich immer ähnlich auf, wie alle Theater- oder Film-Regisseure und Autoren wissen - dazu werden wir noch mehr lernen im Kapitel „Dramaturgie einer BDSM-Session“. Für dieses Kapitel aber genügt es, sich eine einzige von vielen wichtigen Antworten herauszusuchen: Nämlich, dass Spannung (und dazu gehört sexuelle Erregung) intensiver erlebt wird, je mehr Sinne angesprochen werden. Also je lebendiger, realer, „echter“ wir eine Situation empfinden. Und Sprache ist nunmal das Mittel, durch das der Mensch von Beginn an am direktesten mit seiner Umwelt in Verbindung tritt. Kann man aber Verbale Dominanz tatsächlich lernen?

Um mit beruhigenden Worten abzuschließen und euch neugierig zu machen auf das weitere Kapitel, kann ich euch vorweg versprechen: Ja, man kann verbale Dominanz lernen. Generell kann man verbale Erotik und Dirty Talk im Allgemeinen lernen: Das Spektrum an Möglichkeiten ist vermutlich sogar größer als ihr denkt: Es geht hier um Stimmübungen, Tonlagen-Training, Rhetorik, die „Kommunikation über die Kommunikation“ und das Herstellen der richtigen Situation - um nur einige Ansätze zu nennen. Genauso kann man auch verbale Dominanz lernen: Auch hier geht es viel um die Art und Weise des Sprechens, das Selbstbild und die Sicherheit mit sich selbst. Das Wohlfühlen und die Authentizität. Gleichzeitig aber auch um Fragen des Stils und der Art, also: Auf welche Weise möchte ich dominieren? Wie möchte ich überhaupt erotisch sprechen und wie finde ich heraus, was „meins“ ist? Es gibt ganz konkrete Übungen und Tricks, die ich euch im nächsten Kapitel dazu erklären werde.


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