Wie kann ich die sexuelle Energie füttern, ohne den Mann am Penis zu berühren?


Das Spiel mit der sexuellen Energie, also der Erregungskurve, dem Erregungszustand, der Verlängerung der Plateauphase (die Phase der höchsten Erregung vor dem Orgasmus), kurz: das Spiel mit der Lust gehört grundlegend zum BDSM und ist häufig das, was ihn so reizvoll, so intensiv macht. Gemeinhin gilt, dass Frauen hier kreativer sind als Männer und das Spiel mit der Lust ausgesprochen gut beherrschen. Ob das tatsächlich stimmt, kann ich nicht beantworten. Ich weiß, dass Übung und Erfahrung dazu gehören und dass es etwas sein kann, wofür man ein Händchen hat - aber definitiv auch etwas ist, das man lernen kann. Um es zu lernen und dieses Händchen zu entwickeln, ist der erste Schritt, Kreativität und Varianz in das Spiel einzubauen und wegzukommen von der (wie ich behaupten möchte: falschen) Vorstellung davon, dass ein Mann nur oder hauptsächlich durch Berührung an seinen primären Geschlechtsorganen erregbar ist. Ganz im Gegenteil sind Männer nach meiner Erfahrung mindestens genauso empfänglich für andere Reizimpulse wie Frauen. Es gilt also zu lernen, welche das allgemein überhaupt sein können und anschließend herauszufinden, welche es im konkreten, individuellen Fall sind.

Hinweis: Dieses Thema ist nicht nur für BDSM essentiell, sondern kann wegweisend sein für Konstellationen, bei denen der Mann unter Erektionsschwierigkeiten leidet und bei denen man den Druck ein wenig vom Penis bzw. der Erektion abwenden möchte.

Welche Möglichkeiten bietet der Körper eines Mannes, um seine Erregung zu steigern?

Das ist entweder die einfachste Frage oder die, die die meisten Überraschungen bereit hält. Lässt man den Penis außen vor, haben wir dennoch etliche Möglichkeiten der sexuellen Stimulation. Ich möchte an dieser Stelle keine Liste aufzählen aller erogenen Zonen - dafür gibt es Ratgeber, Artikel, Podcasts und Bücher. Mir geht es nicht um das, was frau auch überall anders lernen kann oder vermutlich auch schon weiß, sondern um das, was sie damit anfangen kann. Wir gehen also davon aus, dass wir auf einem Kenntnisstand über den Körper des Mannes sind, der uns ein breites Spektrum an Möglichkeiten liefert - der also die Brust mit einbezieht (nicht nur die Nippel), das Gesäß als erogene Zone erkennt, die Analregion und den Damm berücksichtigt, genauso wie den Nacken, die Haare, die Achselhöhlen, die Hände, die Kniekehlen und Füße, die Ohren, den Mund und all die anderen. Es ist wichtig verinnerlichen, dass Männer genauso sensibel und empfänglich für Berührungen sind wie Frauen! Um nun also ein paar handfeste und konkrete Hinweise an die Hand zu bekommen, die sich auch direkt umsetzen und üben lassen, kann man die Sache aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten respektive die Berührungen in unterschiedliche Kategorien unterteilen: Art und Weise, Intensität, Richtung, Geschwindigkeit und Körperregion. Ziel wird am Ende sein, nicht nur die einzelnen Kategorien abrufen zu können, sondern sie entsprechend zu kombinieren. Und genau hier wird auch die Frage beantworten, wie man Kreativität mit in dieses Spiel bringen soll, wenn frau sich vielleicht selbst nicht als kreativ empfindet: Ihr verinnerlicht die einzelnen Kategorien und kombiniert dann frei - aber dazu am Ende mehr.

Art und Weise

Der Effekt einer Berührung hängt essentiell davon ab, auf welche Art und Weise sie stattfindet. Viele Menschen sind in ihrem Skript gefangen - das bedeutet, sie haben innerhalb ihrer Sexualität einen gewohnten Ablauf, der auf effektiven „Wegen zum Ziel“ beruht, der also häufig zuverlässig zum Orgasmus führt, ob nun bei sich selbst oder beim Partner. Durch diese Gewohnheit, dieses Skript entfällt vielen, dass es oft gewinnbringend und lustvoll sein kann, Neues zu probieren. Ein Bewusstsein für die unterschiedlichen Arten von Berührungen ist hier ein grundlegender erster Schritt. Versucht also, euch ins Bewusstsein zu rufen, wie ihr euer Gegenüber meistens berührt: Seid ihr eher der zärtliche Typ, der gern streichelt? Packt ihr eher mal zu? Kratzt ihr gern? Wenn ihr bemerkt, dass ihr zu eine Art von Berührung neigt, dann versucht einmal, bewusst etwas anderes zu tun.

Intensität Mit der Intensität lässt sich mehr spielen als man auf den ersten Blick glaubt: Ein fester Griff hat eine andere Wirkung als nur das Auflegen der flachen Hand. Ein starkes Kratzen fühlt sich anders an als ein leichtes, Gänsehaut erzeugendes Kraulen. Variiert vor allem auch mit der Intensität innerhalb einer Berührung: beginnt mit einem sanften Kraulen und werdet langsam stärker. Oder legt eure Hand auf, wartet, gebt ihm Zeit und beginnt dann quälend langsam zu streicheln.

Richtung In welche Richtung eine Berührung geht, kann einen ausgesprochen spannenden Effekt haben: Vor allem, wenn man erogene mit einbezieht, oder besser: Sie eben nicht mit einbezieht. Wenn ihr also wisst, wo eurer Partner besonders empfänglich und leicht zu erregen ist (ob das nun eben der Penis ist, die Nippel, der Nacken, das Gesäß, oder was auch immer), dann beginnt an einer völlig anderen Stelle mit einer langsamen Berührung. Sie sollte wirklich langsam sein, damit er Zeit hat, zu registrieren, in welche Richtung ihr euch bewegt. Lasst nun eure Hand ohne Unterbrechung an seinem Körper und zeichnet (oder kratzt oder massiert…) eine Linie nach, die direkt auf diese erogene Zone zusteuert. Langsam und bewusst, damit sich bei ihm eine Vorfreude bzw. positive Erwartungshaltung aufbauen kann, weil er damit rechnet, dass die angesteuerte Richtung auch zu Ende geführt wird. Ganz kurz bevor ihr die entsprechende Stelle erreicht habt, zeichnet ihr einen Kreis um die Stelle herum, spart sie aus, dreht wieder um oder unterbrecht. Das könnt ihr wiederholen und ihn so recht zuverlässig in die bittersüße Verzweiflung treiben. Zusätzlicher Tipp: Diese Linie ist schon mit der Hand bzw. den Fingerspitzen spannend, wird aber noch interessanter, wenn ihr sie mit der Zunge nachzeichnet oder sie mit Küssen bedeckt, sollte das in euer Spiel passen.

Geschwindigkeit Auch hier gibt es viel Varianz, vor allem aber einen unterschätzten Effekt: Versucht mal, auszuprobieren, was geschieht, wenn ihr jede Berührung, die ihr kennt und ausführt, nur halb so schnell macht. Lasst ihn die Augen schließen, bewusst auf seine Atmung achten und sorgt dafür, dass er sich nur auf eure Berührung konzentriert. Wenn ihr euch dann nur in Zeitlupe bewegt, wird es einen entsprechend intensiven Effekt haben.

Körperregion Variiert, wie oben schon beschrieben, in den unterschiedlichen Körperregionen und wechselt die Bereiche ab. Meine persönliche Erfahrung ist, dass es intensivere Wirkungen erzielt, wenn man nicht zu schnell wechselt, sondern sich eine Weile auf eine Region konzentriert, um die Wahrnehmung wirklich auf die Berührung zu richten, und anschließend die Region wechselt, sich aber auch mit dieser Region länger befasst.

…und womit berühre ich ihn? Auch das ist eine zentrale Frage! Naheliegend sind natürlich eure Hände und vermutlich sind diese auch das Mittel der Wahl, weil ihr das beste Gefühl und die beste Möglichkeit zur Varianz habt. Dennoch solltet ihr nicht vergessen, dass auch Utensilien aus dem BDSM (Nervenrad, Klemmen, usw.), völlig andere Gegenstände, Toys und vor allem andere Teile eures Körpers einen entsprechenden Effekt haben können! Beugt euch über seine Schultern, während ihr ihm ins Ohr flüstert, was ihr später mit ihm machen möchtet, und achtet darauf, dass eure Haare seine Haut berühren. Massiert ihn an den Innenseiten der Oberschenkel mit euren Füßen. Streift ihn beim Vorbeigehen ganz zufällig mit eurer Hüfte. Haucht ihm euren Atem in den Nacken. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Verzicht auf Berührungen

Eine völlig andere Art der „Fütterung der sexuellen Energie“, ohne ihn am Penis zu berühren, ist natürlich auch der völlige Verzicht auf Berührungen. Das ist nicht für jeden etwas, aber wer sich hier (aktiv bzw. passiv) wohl fühlt, wird solche Spiele als sehr intensiv erleben. Beispielsweise lasst ihr ihn nackt im Raum stehen und beobachtet ihn einfach nur, vielleicht sogar mit verbundenen Augen. Dabei erzählt ihr ihm einfach, was ihr seht, wie sehr ihr es genießt, ihn einfach anschauen zu dürfen, ihn zu observieren, usw. Generell ist hier Verbalerotik gefragt, das Spiel mit Begriffen, Fantasien (erzählen und austauschen), das aktive Spiel mit dem Kopfkino, das Rollenspiel und das Erzeugen anderer Kontexte.

Das Spiel mit dem Kopf, also ohne Berührungen, ist für viele im BDSM essentiell und mit ein klein wenig Übung eine sehr intensive Art, Lust zu erzeugen. Gerade das Hervorrufen von Bildern auf Basis der individuellen Fantasien des Gegenüber schlägt häufig jede noch so gezielt gesetzt körperliche Berührung.


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