Wie finde ich die Grenzen (m)eines Subs heraus?


Woher weiß ich als dominanter Part, wie weit ich gehen darf? Wie kann ich mir sicher sein, dass mein Gegenüber seine Grenzen ehrlich kommuniziert hat? Was mache ich, wenn mein Gegenüber seine Grenzen selbst (noch) nicht kennt? Das alles sind Fragen, die rund um den Themenkomplex „Grenzen“ häufig gestellt werden und es ist von essentieller Bedeutung, sich ausführlich damit auseinanderzusetzen. Grenzen (also der vorher abgesteckte Rahmen) sind die Basis einer gesunden BDSM Beziehung - egal, ob man nur eine Session plant oder es eine langfristige, enge Beziehung werden soll. Der passive Part muss sich sicher sein können, dass seine Grenzen eingehalten werden. Der dominante Part muss sich sicher sein können, dass er nicht aus Versehen eine Grenze überschreitet, weil sie nicht kommuniziert wurde. Beide müssen einander vertrauen können, das ist die Basis. Aber wie finde ich nun heraus, wo diese Grenzen sich befinden und welche konkreten Vorgehensweisen können mir im Zweifel helfen?


1. Voraussetzungen So heikel ein Gespräch über Grenzen auch sein kann: Wer BDSM auf gesunde Art und Weise in seine Sexualität einbauen möchte, muss schlicht und ergreifend einige Grundvoraussetzungen erfüllen. Dazu gehört in meinen Augen auch die Fähigkeit zur offenen Kommunikation, Selbstreflexion, gewisse Kenntnisse über sich selbst - oder im Zweifel die Bereitschaft, an all dem zu arbeiten. Die grundlegende Fähigkeit, bestimmte Themen anzusprechen, Wörter auszusprechen oder konkrete Fragen zu stellen, ist also unabdingbar. Wem das Wort „Penis“ nicht über die Lippen geht, der kann nicht fragen, wie sein Partner gern am Penis berührt werden möchte. Wer Angst vor Ablehnung hat und deshalb gehemmt ist, kann nicht fragen, ob dem Gegenüber etwas, das man macht, nicht gefällt. Und im BDSM sprechen wir nicht mehr nur von „der Orgasmus gestern war nicht ganz so schön wie der heute“, sondern es geht hier um tatsächliche Risikovermeidung, um Triggerpotential, um Verletzungsgefahren. Denkt also über eure eigene Fähigkeit nach, Dinge direkt anzusprechen und stellt euch vorab ein paar heikle Fragen, wie: - Traue ich mich, alles aus- und anzusprechen?

- Habe ich Hemmungen bei einem bestimmten Thema? - Gibt es Antworten, die ich nicht hören möchte? (Und wenn ja: zeige ich das meinen Gegenüber vielleicht unbewusst?) - Wäre ich verletzt, wenn bestimmte Dinge abgelehnt werden würden?

Antwortet ehrlich und reflektiert euer eigenes Denken. Wenn ihr bemerkt, dass hier noch paar Dinge hängen, dann arbeitet daran, beschäftigt euch damit, tauscht euch darüber aus, bevor ihr in das konkrete Gespräch und die Vorbereitung zu einer Session geht. Wenn nicht, ist das ein gutes erstes Indiz dafür, dass ihr der Sache gewachsen seid und die Verantwortung ernst nehmt.


2. Das Gespräch

Die offensichtlichste, häufig naheliegendste, aber manchmal auch schwierigste Option ist wohl das direkte Gespräch. Natürlich kann man sich vorab über Gesprächsstrategien informieren und sich Gedanken über den Aufbau und die Gesprächsführung machen - aber am Ende des Tages ist doch die Frage: Wenn ich mich ausführlich auf die Frage „Was gefällt dir gut und was möchtest du nicht?“ vorbereiten muss, sollte ich dann nicht vielleicht nochmal grundsätzlich an unserer Basis arbeiten, bevor ich eine BDSM Session auch nur in Betracht ziehe? Wenn eure Basis stimmt und ihr in stabilem Vertrauen zu eurem Gegenüber seid, dann macht euch nicht zu viele Gedanken über den Aufbau eines solchen Gesprächs. Es gibt hier keine Regeln, keine Abläufe, keine Vorlage für den Aufbau mit einer Checkliste. Wichtig ist, dass ihr am Ende das Gefühl habt, ihr seid auf die Session vorbereitet. Was bedeutet das? Nun, ihr müsst in etwa folgende Fragen beantworten können: - Weiß ich, was für mein Gegenüber ein Tabu ist? - Weiß ich, was mein Gegenüber mag? - Weiß ich, was ich kann? - Kenne ich meine Grenzen?

- Kenne ich seine Schwierigkeiten? - Haben wir ein Safeword ausgemacht?

- Habe ich die Risiken und nötigen Sicherheitsvorkehrungen bedacht für das, was ich vorhabe?

Wenn ihr diese Fragen beantworten könnt, seid ihr grundlegend gut vorbereitet. Jedes Gespräch, das euch beiden also solche Fragen beantwortet und euch beiden ein gutes Gefühl gibt, ist ein gutes Gespräch - völlig unabhängig davon, wie es aufgebaut ist oder in welcher Situation es entstand. 3. Die Liste Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass manche Menschen eher pragmatisch an solche Gespräche herangehen und sich teilweise auch sicherer fühlen, wenn sie eine Liste abhaken können, um am Ende ein konkretes Ergebnis vor sich zu haben und zu wissen, dass sie nicht vergessen haben. Auch für den passiven Part ist das Vorgehen mit Listen eine enorme Hilfestellung, wenn er ein eher unsicherer bzw. unerfahrener Mensch ist, der mit offenen Fragen Schwierigkeiten hat. Wenn ihr also zum Beispiel fragt „Was gefällt dir?“, dann kann das gerade bei erfahrenen Subs zu einer vorbildlich vorgetragenen Liste führen und im Idealfall zu einzelnen Punkten, die euch sogar noch auf neue Ideen bringen. Wenn euer Gegenüber hier aber selbst eher unerfahren ist, dann könnten ihn solche offenen Fragen eher einschüchtern, weil ihm bewusst wird, wie wenig er in diesem Bereich vielleicht kennt. Ein weiterer Nachteil ist, dass ihr vielleicht konkrete Praktiken oder Techniken im Kopf habt, an die er überhaupt nicht denkt. Wenn diese dann nachher nicht von ihm genannt werden, dann liegt das vielleicht nicht daran, dass sie ihm nicht gefallen oder besonders gefallen, sondern einfach daran, dass er sie nicht im Kopf hatte. Für solche Fälle ist es für eine beide eine große Hilfe, mit einer Liste vorzugehen. Wie eine solche Liste aussehen könnte und was sie beinhalten kann (nicht muss!), seht ihr im Sonderkapitel „Die Liste: Beispielfragen“, das noch folgt). Ob ihr diese Liste als Gesprächshilfe nutzt, ob ihr sie ihm eins zu eins schickt, oder ob ihr sie mit ihm gemeinsam durchgeht, liegt ganz bei euch - es gibt hier kein Richtig oder Falsch.

4. Die Erfahrung

Egal, wie gut eure Vorgespräche waren: Wenn ihr in der Session seid, liegen die Dinge oft anders. Ihr solltet euch also darauf vorbereiten, dass euer Gegenüber sich auch mal verschätzt, in welche Richtung auch immer. Vielleicht hat er sich unter- oder überschätzt oder er hat sich eine Praktik völlig anders vorgestellt. Stellt euch also darauf ein, dass eure Abmachungen vorab die Basis sind, aber kein verbindlicher Vertrag. Wenn ihr während einer Session das Gefühl habt, eurer Gegenüber hadert mit etwas, dann hakt lieber nach und geht in die Kommunikation. Meinungen, Haltungen und vor allem Gefühle können sich ändern. Ein „aber du wolltest das so“ oder ein „vorhin hast du noch gesagt, du magst das!“, obwohl Sub eigentlich nicht mehr möchte, ist keine Dominanz und keine Konsequenz, sondern eine Grenzüberschreitung. Bleibt also sensibel und vor allem flexibel für eventuelle Änderungen in der Stimmung. Diesen Ratschlag gebe ich euch für den Einstieg. Wer in der Dominanz Erfahrung hat und zudem mit jemandem spielt, der in der passiven Rolle Erfahrung hat, würde euch das nicht zwingend bestätigen. Ich denke hierbei an Sessions, in denen vorab alles abgesprochen wurde und es vielleicht etwas härter zugeht. In denen es um Schmerz geht, um Demütigung oder Ähnliches. In solchen Sessions unter Erfahrenen kann es vor allem beim Edgeplay, also bei Grenzgängen, durchaus dazu kommen, dass der passive Part wirkt, als würde er sich unwohl fühlen, bzw. dies sogar tun. Es kann hier sogar dazu kommen, dass er „nein“ sagt - je nach Art des Rollenspiels, das gerade angewendet wird. Wenn der dominante Part hier abbrechen würde, ohne dass ein Safeword gesagt wurde, würde sich der passive Part anschließend vielleicht sogar beschweren, weil man ihn um einen intensiven und vor allem gewollten Grenzgang gebracht hat. Diese Art von Spiel ist aber nur etwas für einerseits Fortgeschrittene BDSMler sowie andererseits Konstellationen, die sich bereits sehr gut kennen. Euch als Einsteiger oder für das Spiel mit einem weniger erfahrenen Part rate ich dringend, nicht an Grenzen zu gehen oder sie auszureizen, sowie immer achtsam zu sein, ob euer Gegenüber vielleicht während einer Session seine Meinung ändert bzw. ob es ihm gut geht und er die vorab gewählten Praktiken auch noch weiterhin erfahren möchte. Einerseits im Sinne des passiven Parts und andererseits zu eurem eigenen Wohl: Wer in der sexuellen Dominanz gleich zu Beginn die Erfahrung macht, ungewollt eine Grenze überschritten zu haben, dem wird BDSM schneller vergehen als ihm lieb ist. Im Zweifel rate ich hier also immer zu „Lieber zu langsam als zu schnell“.


Unabhängig davon gibt es natürlich auch während der Session klare Anzeichen für Grenzen, die immer auftreten können und für die man auch immer offen und sensibilisiert sein sollte. Gerade wenn euer Gegenüber noch wenig bis keine Erfahrung hat, ist euer sensibler Blick umso wichtiger. Beispielsweise kann es sein, dass sein Körper extrem „arbeitet“ und dieses Arbeiten vielleicht sogar unverhältnismäßig stark auftritt. Wer also Schmerz erfährt, schwitzt natürlich auch - ein paar körperliche Reaktionen sind normal. Wer allerdings „nur“ die Augen verbunden hat, aber schon beginnt, stark zu zitternd, der bewegt sich vermutlich an einer Grenze oder ist kurz davor, sie unwissentlich zu überschreiten. Ein weiteres Zeichen kann es sein, wenn euer Gegenüber auf Fragen keine wirkliche Antwort mehr gibt, nur noch nickt oder den Kopf schüttelt und immer stark zögert. All solche kleinen Indizien können darauf hinweisen, dass euer Gegenüber sich in einem Zustand der Überforderung befindet.


Seid hier einfach achtsam, aufmerksam und sensibel und habt das Wohl und die Grenzen eures Gegenübers bei allem, was ihr macht, im Blick.


0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen