Dominantes Auftreten - Kann man das überhaupt lernen?

1. Was ist „dominantes Auftreten“ überhaupt?

Diese Frage wird mir häufig gestellt und ich weiß aus eigener Erfahrung um ihre Wichtigkeit. Bevor ich versuche, ein paar Antwortansätze zu geben, möchte ich aber klären, worum es hier überhaupt geht: In meinen Augen sind „Dominant sein“ und „Dominanz lernen“ zwei unterschiedliche Dinge - genau das ist die Basis meines Ansatzes. Ich weiß von vielen Menschen (insbesondere Frauen - und ich selbst kenne diesen Weg aus Erfahrung), dass die Dominanz sie reizt, dass sie sich gern ausprobieren würden, Fantasien in diese Richtung haben, sich oft auch als alltagsdominant erleben, aber in einem sexuellen Kontext auf einmal eher unsicher sind - mit sich selbst, im Umgang mit dem Gegenüber, im Wissen um bestimmte Techniken, in der Frage, ob man alles richtig macht, und so weiter. Und diese Neigung, das Interesse an dieser Spielart, die Neugier, das Bedürfnis, auch mal den Ton anzugeben (und sei es nur in der Theorie!) - DAS kann man in meinen Augen nicht lernen (und warum sollte man das auch tun? Es geht immerhin doch gerade darum, die eigene Sexualität so zu gestalten, dass man sie genießen kann!). Die dominante Neigung, das „dominant-Sein“ ist keine Lektion, die man beibringen kann, keine Übung, die man nur oft genug wiederholen muss.

„Dominanz lernen“ hingegen ist durchaus möglich: Unsicherheit, wie ich auch im entsprechenden Kapitel beschrieben habe, bedeutet nicht, dass man für etwas nicht geeignet ist. Sie bedeutet, dass etwas neu ist, dass man mit etwas noch keine Erfahrung hat - nicht mehr und nicht weniger. Und wenn man wirklich Lust hat, etwas zumindest auszuprobieren, dann sollte man sich nicht nur davon abhalten lassen, weil man unsicher ist, nicht wahr? Also ja, ich kann aus Erfahrung sagen, dass man nicht lernen kann, dominant zu sein - aber wenn man es ist, dann gibt es durchaus Tipps und Hilfestellungen, die einem über die ersten Schritte hinweg zu mehr Sicherheit verhelfen. Wenn es nun also in diesem Kapitel um authentisches dominantes Auftreten geht, dann stellt sich doch zuerst die Frage, was dominantes Auftreten überhaupt ist. Geht es hier um Outfits? Um einen bestimmten Ton? Was hat Rhetorik damit zu tun? Geht es um etwas, das man nach außen trägt, oder vielmehr um eine innere Haltung? Und kann man eine innere Haltung überhaupt lernen und wenn ja: wie? Und was, wenn man sich mit dem klassischen, offensichtlichen Dominanz-Stil nicht wohlfühlt? Wie entwickelt man dann seinen eigenen? Fragen über Fragen - beginnen wir also von vorn. Was ist „dominantes Auftreten“ überhaupt? Ich halte es für essentiell, sich zuerst mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Meine persönliche Antwort wäre nämlich: Das ist individuell. Ob etwas authentisch dominant wirkt oder eher arrogant, ob ein Outfit dominant aussieht oder einfach nur übertrieben, ob die Stimme erst dann dominant ist, wenn sie laut und klar ist oder ob auch leise Anweisungen dominant sein können - all diese Überlegungen sind Fragen der eigenen Wahrnehmung, höchstens noch der Wahrnehmung des Gegenübers. Es gibt hier keine Regeln, kein Skript und keinen Ablauf, den man lernen muss, um dann als dominant zu gelten. Das Bild der klassischen Domina, die in Lack und Leder gekleidet, demütigende Phrasen brüllend über ihrem Sklaven thront, ist längst überholt. Natürlich gibt es auch diese Art der Dominanz und in einigen Fällen ist sie gefragt, gewollt und häufig auch angebetet. Aber für die Mehrheit, für „privaten“ BDSM ist diese Form der Dominanz nicht nur unpraktisch, sondern auch unrealistisch. Verabschiedet euch also von dem Gedanken, irgendwie „sein zu müssen“, eine bestimmte Art „beherrschen“ oder eure Stimme, euren Kleidungsstil oder eure Art grundlegend ändern zu müssen. Dominanz ist mitnichten immer laut, offensiv und offensichtlich und noch weniger folgt sie einem Skript. Und genau das ist der Kern. Zusammenfassend kann man es treffend mit der Antwort beschreiben, die ich in 9 von 10 Fällen von Männern auf die Frage bekomme, was sie als authentisch dominant empfinden:


„Wenn ich merke, dass eine Frau weiß, was sie will.“

Das ist es. Das ist der Kern von Femdom, zu dem wir auch an dieser Stelle wieder zurückkehren: Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse zu ergründen, zu kommunizieren und sich auf einvernehmliche, dominante Art und Weise auch zu nehmen. Aus dieser Grundhaltung entsteht das Spiel mit der sexuellen Dominanz. Wenn also die Frage gestellt wird, wie denn nun Dominanz von außen erkennbar ist, wie sie aussieht oder wie man denn nun „sein soll“, würde ich antworten: Das ist individuell. Es geht darum, eine Seite von sich selbst an die Oberfläche zu lassen, die man sonst vielleicht eher versteckt hält oder von der man vielleicht noch gar nicht wusste, dass es sie gibt. Es geht um das sichere Ruhen in sich selbst, um Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit. Und darum, die Frau zu sein, die man - vielleicht nicht immer, aber sicherlich manchmal - gerne wäre. Technisches Know-How, Outfits, hohe Schuhe und besondere Arten von Äußerungen spielen deutlich weniger eine Rolle als viele glauben. Wenn ihr eure dominante Seite innerlich wirklich fühlt, euch ohne Schwierigkeiten mit ihr verbinden könnt, den „Schalter umlegen“, dann wird euer Gegenüber auf ein „schließ die Augen“ auch dann mit Adrenalin und Erregung reagieren, wenn ihr in Jogginghose auf der Couch sitzt. Und wenn ihr glaubt, bis zu dem Punkt dieser Souveränität ist es ein weiter Weg, kann ich euch versichern: Er ist deutlich kürzer als er gerade scheint. Wichtig ist wie bei allen Reisen: Der erste Schritt.

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