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Der multiple männliche Orgasmus

Eine der fatalsten Annahmen in Sachen Sexualität, die in der westlichen Gegenwart gemeinhin herrschen, ist die, dass der männliche Orgasmus und der Samenerguss ein und dieselbe Sache sind.

Es ist Fakt, dass Jungen schon vor ihrem ersten Samenerguss Orgasmen erleben können. Mehr noch: Sie sind in der Lage, dieses Gefühl mehrfach kurz hintereinander zu erleben. Mit der ersten Ejakulation scheint für Männer aber eine Schwelle überschritten zu werden - die Ejakulation wird eins mit dem orgastischen Empfinden und man(n) wächst als junger Erwachsener in eine Sexualität, in der die Ejakulation, also die orgastische Entladung, das Ziel ist und zudem untrennbar vereint mit dem Orgasmus selbst. Ich spreche hier bewusst von der „westlichen Gegenwart“, denn im Osten herrscht diese Annahme nicht oder mindestens nicht so verbreitet. Schon vor über 2000 Jahren haben Taoisten in China eine andere Entdeckung gemacht: Sie erkannten, dass das orgastische Empfinden (also das klassische, intensive Gefühl des Orgasmus) und die Ejakulation zwei voneinander völlig getrennte Vorgänge sind. Diese Erkenntnis hat den Westen erst im 20. Jahrhundert erreicht, woraufhin ihr immerhin auch wissenschaftlich nachgegangen wurde.

Anfang des 20. Jahrhundert entdeckte der Sexualwissenschaftler Alfred Kinsey, dass „ein Orgasmus ohne die gleichzeitige Ausstoßung von Samen möglich ist“. Selbst Masters und Johnson, die als Pioniere der Sexualforschung gelten, fanden in den 60ern heraus, dass Männer nur selten zu mehreren Orgasmen nacheinander in der Lage waren, nachdem sie ejakuliert haben. Dass aber multiple Orgasmen keine Seltenheit waren, wenn die Ejakulation ausblieb. Auch sie unterschieden am Ende ihrer wissenschaftlichen Forschung zwischen dem Orgasmus, der mentalen Erfahrung und der gesamtkörperlichen Reaktion - und der schlichten Ausscheidung des Samens. Die Sexualwissenschaftler Hartman und Fithian untersuchten eine ganze Reihe von Männern, die behaupteten, multiorgastisch zu sein. Multiple Orgasmen zu erleben bedeutet hier übrigens nicht, mehrere Samenergüsse in Folge zu haben, sondern mehrere Orgasmen hintereinander zu haben, ohne dabei die Erektion zu verlieren. Die untersuchten Männer wurden über Herzschlag, Puls und Muskelkontraktionen im Beckenboden beim Geschlechtsverkehr mit ihrer Partnerin kontrolliert, weil sich über diese Werte der Orgasmus am besten messen lässt. Das Ergebnis war überraschend: Die Männer gelangten zu ähnlichen Werten wie Frauen, die multiple Orgasmen haben. Feststeht: Das alte medizinische Wissen und die östliche Sexuallehre wurden inzwischen mehrfach auch durch westliche wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigt: Der Mann ist durchaus in der Lage unterschiedliche Arten von Orgasmen zu erleben, darunter sogar multiple Orgasmen. All das lediglich auf Basis der Erkenntnis, dass Samenerguss und Orgasmus zwei unterschiedliche körperliche Vorgänge sind.

Samenerguss und Energie

Nach dem Samenerguss folgt die sogenannte Refraktärphase: In dieser Phase findet eine grundlegende hormonelle und biochemische Umstellung im Körper statt. Adrenalin und Noradrenalin werden abgebaut, Oxytocin und Prolaktin werden aufgebaut. Der Penis ist nicht empfänglich für Stimulation und eine Erektion ist schwer bis unmöglich. Diese Phase kann von Minuten bis Tagen andauern und ist in ihren Eigenheiten individuell. Insgesamt jedoch ist seit jeher bekannt, dass Männer nach der Ejakulation dazu tendieren, müde und lethargisch zu werden - egal wie ausgeprägt. Vor mehreren tausend Jahren haben sich taoistische Mediziner und Sexuallehrer mit dieser Tatsache befasst und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass der Samenerguss dem Mann Energie raubt. Unter Künstlern und Sportlerin ist es verbreitet, am Abend vor einer gewünschten Leistung keinen Sex zu haben, um die Energie zu sparen und fit zu sein. In Frankreich nennt man die Ejakulation übrigens liebevoll „la petite mort“ - den „kleinen Tod“. Die chinesischen Sexuallehrer wussten vor tausenden von Jahren schon, was unsere Wissenschaft erst in den letzten Jahrzehnten zu entdecken beginnt: Samenproduktion kostet Energie. Während die Taoisten diese These in eine pathetische Formulierung gossen und postulierten, dass Samen Lebensenergie sei, die man(n) sparen müsse, ist die westliche Wissenschaft da etwas profaner, aber im Inhalt nicht unähnlich: 1992 war die Titelstory der New York Times eine veröffentlichte Studie mit Fadenwürmern (die häufig für Versuche genutzt werden, weil sie dieselben biochemischen Prozesse aufweisen wie der Mensch und andere Säugetiere), die zu dem Ergebnis kam, dass die Würmer bis zu 50% länger lebten, wenn sie sich zwar fortpflanzen durften, aber (durch künstliche Eingriffe) nicht mehr in der Lage waren, Samen zu produzieren. Im Grunde ist es unerheblich, ob man die Ejakulation pathetisch als das Verschwenden von Lebensenergie betrachtet oder schlicht ins Auge fasst, dass der männliche Körper beim wiederholten Produzieren von Samen durch biochemische Prozesse Energie einbüßt - Fakt ist, dass ein Orgasmus mit oder ohne Ejakulation stattfinden kann und dass der Verzicht auf den Samenerguss nicht nur in der taoistischen Liebeslehre verbreitet ist, sondern beispielsweise auch im BDSM Anwendung findet: Nicht umsonst berichten so viele Männer davon, wie viel besser es ihnen geht, wie viel mehr Energie sie haben und wie erfüllter sie ihre Sexualität empfinden, wenn sie auf die Ejakulation (in diesem Fall häufig auf den gesamten Orgasmus) verzichten. Wie man mit diesen Erkenntnissen spielt, steht auf einem anderen Blatt. Wichtig ist zu Beginn, sie sich bewusst zu machen.

Vorbereitende Übungen Weil die Frage jetzt vermutlich naheliegend ist und der Orgasmus ohne Samenerguss nicht gerade weit verbreitet und jedem bekannt ist, wollen wir uns noch kurz anschauen, wie man den Samenerguss denn nun bewusst vom Orgasmus trennen kann - denn ja, natürlich kann man das lernen, auch wenn es ein klein wenig Geduld und Ausdauer erfordert. Für die Vorbereitung bieten sich in erster Linie folgende Übungen an: 1. Atmung Eine kontrollierte Atmung und damit eine gewisse Kontrolle über den Herzkreislauf und ein Einfluss auf das Nervensystem ist eine gute Voraussetzung für die konkreten Übungen. Dazu ist es wichtig, täglich die Zwerchfellatmung zu üben, also die bewusste (langsame und tiefe) Atmung in den Bauch. Diese Atmung reguliert das Nervensystem und damit Sympathikus und Parasympathikus, und dient der Kontrolle der Blutzirkulation, die beim Orgasmus essentiell ist. 2. Beckenboden Die Beckenbodenmuskulatur ist auch hier zentral: Nur wer eine halbwegs trainierte Beckenbodenmuskulatur hat, ist später in der Lage, die Ejakulation zu beeinflussen, ohne dabei auf zusätzliche Techniken angewiesen zu sein. Auch in der Phase davor ist die trainierte Beckenbodenmuskulatur hilfreich, um den Ejakulationsreflex zu kontrollieren oder wenigstens zu überbrücken. 3. Selbstbeobachtung Die absolute Grundlage, um den Orgasmus von der Ejakulation zu trennen, ist das Bewusstsein darüber, wann das eine und wann das andere beginnt. Der ganzkörperliche Zustand der Orgasmus (inklusive Pulserhöhung, Steigerung der Herzfrequenz, Schwitzen, usw.) beginnt schon recht früh und steigert sich eher langsam. Währenddessen werden Spermien in Richtung Harnröhre befördert und mit den Drüsensekreten vermengt - dieser Vorgang wird als Emission bezeichnet. Durch steigenden Druck in der Prostata und Harnröhre kommt es zu drei bis zehn unwillkürlichen reflektorischen Kontraktionen des Beckenbodenmuskelkomplexes und damit zum schubweisen Ausstoß des Spermas (Expulsion). Erst der letzte Teil ist die tatsächliche Ejakulation. Davor befinden wir uns noch vor dem sogenannten „Point of no return“. Es ist also durch gute Selbstbeobachtung möglich, den Punkt abzupassen, an dem ein Orgasmus den gesamten Körper erfasst, wenn gleichzeitig die Prostata zu arbeiten beginnt. An diesem Punkt sollte die Stimulation unterbrochen werden und die Erregung möglichst auf demselben Level gehalten werden, aber eben nicht fortgesetzt. Wer an diesem Punkt ein paar Techniken beachtet und einige Griffe anwendet, ist auf dem besten Weg, den multiplen oder mindestens den Samenerguss-losen Orgasmus zu trainieren.

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