Das Konzept der "Romantischen Liebe"


Romantische Liebe im 21. Jahrhundert

Durch Bücher, Filme und Hollywood-Klischees wird uns bereits seit Jahrzehnten und länger eine gewisse Vorstellung von Romantik vermittelt und im wahrsten Sinne des Wortes verkauft. Diese Romantik beinhaltet das Bild vom starken Mann, der eine wie auch immer geartete rettende Rolle spielt. Häufig auch von einem Mann, der schon viel im Leben geleistet hat, große Opfer für andere bringen musste oder schwere Schicksalsschläge hinter sich hat. Diese Last der schweren Vergangenheit ist nun ein Teil von ihm, über den er kaum bis gar nicht spricht, die er mit sich ausmacht und die zu einer "harten Schale" führt. Die richtige Frau wird am Ende an den weichen Kern stoßen.

Diese Frau ist hier häufig eine, die dem normativen Schönheitsideal perfekt entspricht, ohne sich dessen bewusst zu sein. Im Gegenteil ist sie eher unsicher. In den letzten Jahren hat sich alternativ auch ein Frauenbild abgezeichnet, das durchaus starke Frauen zeigt, im Sinne von: beruflich erfolgreich, alleinerziehend oder im Alltag selbstsicher. Allerdings sind auch diese Frauen immer Single, weil sie keinen Mann finden, auf den sie sich einlassen wollen. Entweder weil sie so unsicher sind, dass sie nicht glauben können, dass ein Mann sie lieben könnte. Oder weil sie so stark sind, dass sie gewohnt sind, alles allein zu machen und ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben wollen. Am Ende des Tages trifft diese Frau dann auf den einen „richtigen“ Mann, der es schafft, sie davon zu überzeugen, dass sie liebenswert ist bzw. der es schafft, dass sie sich fallen lassen und sich etwas abnehmen lassen kann. Er wiederum findet in dieser Frau die erste und einzige, der es gelingt, seine harte Schale zu durchdringen und ihm Gefühle zu entlocken.

Diese Bilder sind überspitzt formuliert, treffen aber im Kern das Konzept von Romantik, mit dem wir im 21. Jahrhundert aufwachsen und das den Unterbau bildet zu unserer Vorstellung von Liebe, Beziehung, Sexualität, Ehe und auch geschlechtlichen Rollenbildern.


Entstehung der Konzepte "Sexualität" und "Ehe"

Den meisten Menschen ist nicht bewusst, wie veraltet und überholt und vor allem: wie konstruiert (und damit nicht natürlich) viele unserer Konzepte zu großen Teilen tatsächlich sind. Anschaulich wird das, wenn wir uns die Konzepte "Ehe", "Sexualität" und "Liebe" näher anschauen.


Während in der Antike eine freie Sexualität noch zum Alltag gehörte, führte die christliche Kirche, die maßgeblich den europäischen Raum prägte, im Mittelalter das Konzept einer sündhaften, unmoralischen und von Trieben gesteuerten Sexualität ein.

Die Ehe hingegen war seit jeher eine pragmatische, vollkommen unromantische Angelegenheit, die entweder aus Zwang oder aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen geschlossen wurde. Die Vorstellung der Liebesheirat entstand erst im 18. Jahrhundert - und selbst da war sie noch häufiger Wunsch als Realität.


Das Konzept der Ehe hielt sich also bis ins 18. Jahrhundert als ein nüchterner Zusammenschluss aus Zweck oder Zwang. Ein Wandel kam hier erst sehr spät. Anders verhält es sich beim Konzept von Sexualität: Die körperliche Anziehung wurde in der Antike ausgelebt - häufig gänzlich unabhängig von der Ehe. Im Mittelalter hingegen änderte sich das Bild von Leidenschaft, Anziehung, Sexualität und Erotik durch die christliche Kirche maßgeblich hin zu einem als verwerflich und sündhaft geltenden Trieb. Während also in der Antike beiden Bedürfnissen (pragmatische Zweckgemeinschaft für das alltägliche Leben und körperliches Bedürfnis) nachgegangen werden konnte, wurde eines von beiden im Mittelalter unterdrückt. Die Frage ist naheliegend: Wie ging man damit um?


Die Antwort darauf liefert der Minnesang - die mittelalterliche Form dessen, was wir heute aus Musik, Büchern oder Filmen kennen. Der Minnesang war vom 12. bis zum 18. Jahrhundert ein westeuropäisches Unterhaltungskonzept, bei dem Liebeslyrik gesprochen oder gesungen vorgetragen wurde. "Minne" ist das mittelhochdeutsche Wort für "Liebe", die also größtenteils der Inhalt der Texte war und wodurch heute gut nachvollziehbar ist, wie das Konzept "Liebe" damals gesehen wurde (und wo die Romantik ihre Wurzeln hat): Nämlich im Scheitern. Die Liebe galt dann als romantisch, wenn sie unerfüllbar und unerreichbar war.

Es ging meist um die Absicht des Mannes, die Frau zu erobern - und überwiegend dabei zu scheitern. Zurück blieben unerwiderte Gefühle, getrennte Liebende, Sehnsucht, Verzicht und Unerreichbarkeit. Es war der Versuch, aus der Realität eine gute Unterhaltung zu machen: Die Realität war nämlich geprägt von Zweck- oder Zwangsehen (also bereits verheiratete oder versprochene Menschen, Menschen, die ohne jegliche Sympathie verheiratet wurden, oder solche, die keine passende Partie fanden) und dem unerfüllten Bedürfnis nach dem Ausleben von Sexualität, Leidenschaft und körperlicher Anziehung, die aber außerhalb der Ehe durchweg verboten waren. Dieser oktruierte Verzicht wurde "romantisiert", also in eine unterhaltende Geschichte gepackt.


Die Liebe selbst wie wir sie heute kennen (also die Vorstellung des unkontrollierbaren, krankheitsähnlichen, überfallartigen Gefühls, gegen das man sich nicht wehren kann, und das zwei Menschen füreinander bestimmt), ist neben Ehe und Sexualität ein drittes, konstruiertes Konzept, das es zudem noch nicht allzu lange gibt. Der Vorstellung, dass zumindest die Liebe selbst das Natürlichste der Welt ist, stehen die belegten Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft und der Soziologie gegenüber: Starke Gefühle der Anziehung, erotische/sexuelle Lust oder "Leidenschaft" (wie man heute sagen würde) gab es durchaus schon immer, nur wurden sie erst in der Moderne als "Liebe" begriffen - davor waren sie nichts anderes als ein Zeichen eines körperlichen Bedürfnisse und damit ein (oft verbotener) Gegenpol zur nüchternen Zweckehe.


Die Konstruktion der Romantik

Diese weiterentwickelten geschichtlichen und gesellschaftlichen Konzepte trafen im 18. Jahrhundert auf eine sich grundlegend wandelnde Gesellschaft, die erstmals das Bedürfnis nach Intimem und Privatem gebildet hatte, und die zudem ihre eigenen Strukturen und Hierarchien aufzulösen begann: Spätestens nach der Französischen Revolution 1789 fielen Stück für Stück die Vormachtsstellungen des Adels in ganz Europa. Hierarchien und Gleichstellung ehelicher Parteien verloren an Wichtigkeit und man suchte nach anderen Gründe um zu heiraten - auf die Ehe zu verzichten kam schließlich nicht infrage, weil Sexualität außerhalb der Ehe ja eine Sünde war. Es entstand das Bedürfnis, die Ehe als Zusammenschluss zweier sich liebender Menschen zu begreifen. Zudem hatte die Aufklärung den Nährboden geschaffen für eine säkularisierte Gesellschaft, die von der Kirche (und der Vergebung von Sünden) nicht mehr so stark abhängig war.

Aus all diesen (sehr verkürzt zusammengefassten) Parametern wurde schließlich die Romantik konstruiert - als Epoche, als literarische Strömung und als Konzept von Liebe:

Sexuelle Anziehung und körperliche Reaktionen wurden mehr und mehr als Symptom der Liebe umgedeutet, die wiederum als beste Basis für die Ehe begriffen wurde und nun auch endlich also solche erlaubt war. Während also bis ins 18. Jahrhundert immer die Frage zugrunde lag, wie man körperliche Anziehung und pragmatische Ehe vereinen oder zumindest nebeneinander leben kann, lagen im 18. die Voraussetzungen anders: Man entwickelte das Bedürfnis nach einem privaten Haushalt mit einem Partner, den man mag oder sogar liebt und dessen Herkunft nicht mehr essentiell ist. Das Ausleben sexueller Bedürfnisse war zwar moralisch verwerflich, aber immerhin nicht mehr so sündhaft wie noch zu Hochzeiten der katholischen Kirche. Es lag also der Wunsch nahe, beides zu vereinen: Das Körperliche/Sexuelle und die Wahl des ehelichen Gegenübers. Da die Ehe aber "für immer" geschlossen wurde und ein kulturelles Konstrukt der Monogamie war, wurde die Tatsache ignoriert, dass starke Gefühle mit der Zeit nachlassen. Es entstand das Konzept der ewigen - der romantischen - Liebe.


Wer (oder was) ist gescheitert?

Die Romantische Liebe ist noch heute in den Köpfen vieler Menschen als absolutes Non Plus Ultra, als Lebensziel, als höchster Wert verankert. Wenn sich zwei Menschen finden, verlieben und für den Rest ihres Lebens (nur) miteinander glücklich sind, ist das ein Geschenk und kann tatsächlich als höchstes Glück gesehen werden. Die Statistik spricht allerdings nicht dafür, dass es mehr ist als eben das: Glück. Die bedeutende Mehrheit aller monogamen Beziehungen, die im Rahmen des romantischen Liebes-Konzepts eingegangen wurden, gehen auch wieder auseinander. Das ist eindeutig, wenn man die Zahl der geschlossenen Ehen und der vollzogenen Scheidungen betrachtet, und wird noch eindeutiger, wenn man auch alle monogamen Beziehungen unabhängig von der Ehe mit einbezieht. So rational, so mathematisch der Mensch sonst veranlagt ist, so naiv scheint er in Sachen Liebe zu sein. Selbst nach mehrfacher Erfahrung, nach mehrfachen schmerzhaften Trennungen führt der Weg erneut zur Dating-Plattform. Aber was bedeutet das?


Scheitert der Mensch regelmäßig am Konzept?

Oder ist vielmehr das Konzept zum Scheitern verurteilt?

Zwischen Hoffnung, Scheitern und Lernresistenz

Es ist bezeichnend, dass bei aller Naivität gegenüber Statistik und Zahlen der Mensch dennoch in ausgerechnet diesem Bereich täglich mit Begriffen wie Erfolg und Scheitern arbeitet. Eine "erfolgreiche" Ehe ist eine, die über viele Jahre zuverlässigen Bestand hat, eine, die währt, eine, die bestehen bleibt. Eine "gescheiterte Ehe" ist eine, die (aus welchen Gründen auch immer) zu Ende geht (oder anders, aber in ähnlicher Semantik: "in die Brüche geht"). Niemand von uns würde nach einer Scheidung von einer "erfolgreichen Ehe" sprechen. Die Frage ist: Warum nicht?

Die Scheidungsquote lag in den letzten 20 Jahren bei zwischen 40% und 50% - und in dieser Zahl sind all die unehelichen Beziehungen noch nicht enthalten. Andere Studien belegen, dass (je nach Alter) zwischen 25% und 45% aller Menschen in monogamen Beziehungen mindestens einmal fremdgegangen sind. Statistisch ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass eine Beziehung endet, als dass sie bis ans Lebensende dauert. Warum also nicht die endliche Beziehung als den Normalfall betrachten und die ewig andauernde als den Ausnahmefall? Es wäre rechnerisch naheliegender und leichter zu erklären. Warum ist der Mensch in diesem Bereich so lern- und erfahrungsresistent? Die Antwort ist vermutlich individuell, aber ein Versuch wäre: Weil wir das Scheitern in uns selbst und nicht im Konzept suchen.


Es ist egal, wie viele Beziehungen wir hinter uns haben: Wir suchen weiter.

Es ist egal, wie gut diese Beziehungen an ihren Anfängen waren: Wenn die intensiven Gefühle mit der Zeit nachlassen, interpretieren wir das als Zeichen dafür, dass die Liebe schwindet oder nicht ausreicht.

Es ist egal, wie unglücklich man in einer Ehe ist: Wenn es irgendwie geht, hält man sich aufrecht.

Es ist egal, wie gut man sich im Alltag versteht: Wenn man nicht tägliche Lust auf den Körper des anderen hat oder der Sex nicht gut klappt, deuten wir das als fehlende Liebe.


Wir können noch so großartige Zeiten mit verschiedenen Menschen in unserem Leben erlebt haben - am Ende formulieren wir "ich habe schon mehrere gescheiterte Beziehungen hinter mir" und nicht "ich hatte schon einige erfolgreiche Beziehungen!".


Hollywood, die Musikindustrie, die Literatur und die Gesellschaft suggerieren uns täglich, dass die erfolgreiche, die wahre, die romantische Liebe eine Liebe ist, die bedingungslos ist, sich nur auf einen Menschen richtet, ewig währt und sich in anhaltender Leidenschaft äußert. Wenn wir also nach zehn Jahren Ehe mehr Tage erleben ohne als solche mit sexueller Lust auf den Körper des Partners, wenn wir mehr streiten als zu Beginn der Beziehung, wenn die Sehnsucht nachlässt, wenn man eine Nacht getrennt verbringt, wenn einer von beiden Lust auf einen Dritten hat oder gar fremdgeht, wenn wir die Beziehung beenden - dann fühlen wir: Wir sind gescheitert.

Weil wir täglich mit der überbordenden Wichtigkeit der romantischen Liebe in unserem Leben und dem Bild des leeren, einsamen Lebens eines Singles konfrontiert sind, machen wir das Einzige, was uns die Gesellschaft beibringt: Wir versuchen es erneut.


"Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten."

- Albert Einstein



 


Eine Übung


Ich möchte an dieser Stelle keine Erklärungen geben, keine Lösungsansätze oder alternativen Beziehungsmodelle oder Konzepte von Liebe vorstellen. Dafür ist das Thema zu persönlich, zu individuell, geht uns zu nah und ist zu sehr Teil unserer Identität.


Aber als Denkanstoß möchte ich eine kleine Übung mit dir machen. Ich schreibe im Folgenden ein paar Sätze auf, die du dir durchlesen kannst. Diese Sätze spiegeln völlig unterschiedliche Ansichten und Haltungen. Beim Durchlesen versuchst du, darauf zu achten, was diese Sätze in dir auslösen: Welche Gefühle kommen auf? Wirkt der Satz neutral? Kommt Abwehr oder Anspannung hoch? Vielleicht auch Sehnsucht oder Traurigkeit? Spürst du das Bedürfnis zu widersprechen? Oder merkst du Zustimmung oder ein inneres Nicken? Vielleicht sogar Hoffnung und Zuversicht?





Ich bin dafür verantwortlich, alle Bedürfnisse meines Partners/meiner Partnerin zu erfüllen.



Mein Partner/meine Partnerin ist nicht dafür verantwortlich, alle meine Bedürfnisse zu erfüllen.



Eine erfolgreiche Beziehung ist nicht davon abhängig, wie lange sie dauert.



Es gibt kein Scheitern in der Liebe.



Die wahre Liebe gibt es nur einmal im Leben.



Eine Beziehung "geht nicht zu Ende", sondern verändert immer nur ihren Charakter - zum Beispiel von der Liebesbeziehung zur Freundschaft.



Es ist egal, wie viele Beziehungen man im Leben schon hatte.



Es ist kein Ziel, eine Beziehung zu führen, sondern ein neutraler Zustand.



Echte Liebe zeigt sich in anhaltender Leidenschaft.



Sexuelles Interesse an anderen außer meinem Partner/meiner Partnerin ist ganz natürlich und wertneutral.



Liebe ist nicht an Bedingungen geknüpft.



Liebe ist eine Entscheidung.



Wie Liebe sich anfühlt und äußert, entscheide und definiere ich selbst.








 

Ich freue mich auf eure Kommentare und Sichtweisen zu diesem sehr persönlichen und komplexen Thema!





















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