Begriffsgeschichte des Masochismus

Der heute bekannte Masochismus wird meist automatisch mit seinem Verwandten, dem Sadismus, in Verbindung gebracht. Diese Verbindung führte zu der Namenskopplung „Sadomasochismus“ – dem Begriff, unter welchem dieses Phänomen in der ICD 10, der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems aufgeführt wird. Die Definition der „Störung der Sexualpräferenz“ unter dem Schlüssel F65.5 lautet:

„Es werden sexuelle Aktivitäten mit Zufügung von Schmerzen, Erniedrigung oder Fesseln bevorzugt. Wenn die betroffene Person diese Art der Stimulation erleidet, handelt es sich um Masochismus; wenn sie sie jemand anderem zufügt, um Sadismus. Oft empfindet die betroffene Person sowohl bei masochistischen als auch sadistischen Aktivitäten sexuelle Erregung.“

In Konkurrenz zur ICD 10, dem internationalen Klassifikationssystem der WHO, steht das DSM-IV, das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, ein nationales psychiatrisches Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, in welchem der Masochismus als sexual masochism (in der aktuellen, fünften Auflage des DSM nun als sexual masochism disorder geführt) im Jahr 1994 dahingehend korrigiert wurde, dass er seither nur noch als Störung gilt, wenn auch das B-Kriterium erfüllt ist, welches lautet:

"Die Phantasien, sexuell dranghafte Bedürfnisse oder Verhaltensweisen verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.“

Der Masochismus galt also bis vor wenigen Jahren und gilt in vielen Augen auch heute noch als Krankheit, als abnorme Sexualpräferenz. Namensgeber für diese „Perversion[…] der Vita sexualis“ (Krafft-Ebing) war Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895). Schöpfer des Begriffes selbst war der deutsche Psychiater Richard von Krafft-Ebing (1840-1902), welcher in seiner bekannten Psychopathia Sexualis Sacher-Masoch zu seinem zweifelhaften Ruhm verhalf:

"Diese im folgenden zu besprechenden Perversionen der Vita sexualis mögen Masochismus genannt werden, da der bekannte Romanschriftsteller Sacher Masoch in zahlreichen seiner Romane, ganz besonders in seinem bekannten Werk „Die Venus im Pelz“, diese eigene Art der sexuellen Perversion zum Lieblingsgegenstand seiner Schriften gemacht hat.“

Unter der Überschrift „Verbindung passiv erduldeter Grausamkeit und Gewaltthätigkeit mit Wollust. – Masochismus“ wird selbiger zur Zeit seiner Namensgebung also erstmals wie folgt definiert:

„Unter Masochismus verstehe ich eine eigenthümliche Perversion der psychischen Vita sexualis, welche darin besteht, dass das von derselben ergriffene Individuum in seinem geschlechtlichen Fühlen und Denken von der Vorstellung beherrscht wird, dem Willen einer Person des anderen Geschlechts vollkommen und unbedingt unterworfen zu sein, von dieser Person herrisch behandelt, gedemüthigt und misshandelt zu werden. Diese Vorstellung wird mit Wollust betont;"

Dem Münchner Psychiater Albert von Schrenck-Notzing (1862-1929) hingegen gefiel Krafft-Ebings Begriffsneuschöpfung nicht, da sie „nicht den üblichen Regeln wissenschaftlicher Terminologie“ folge. Sein alternativer Vorschlag war der Begriff „Algolagnie“ (abgeleitet vom Griechischen algos ‚Schmerz‘ und lagnos ‚geschlechtlich erregt‘). Auch Albert Eulenburg (1840-1917), Professor für Medizin in Berlin, schloss sich diesem Terminus an. 1892 gab Dimitry Stefanowsky in den Archives de l’Anthropologie criminelle dem Masochismus ganz bewusst einen anderen Namen: Passivismus. Zwar sagt auch er, Sacher-Masoch „nous présente le plus parfait type du passiviste qu’on pourrait imaginer“ (übersetzt: Sacher-Masoch präsentiert uns den perfektesten Typus des Passivisten, den man sich vorstellen kann), interessanterweise schreibt er hier jedoch über die Namensgebung Krafft-Ebings:

„Mais, sans préjudice aucun de découvertes scientifiques du célèbre maître, je crois que ce nom bizarre ne dit rien et n’a aucun sens intrinsèque; en outre, il couvre d’ignominie le malheureux auteur allemand, et, de son vivant.“

Er plädiert für die Bezeichnung Passivismus, da er Krafft-Ebing auch nach einem Briefwechsel nicht glauben möchte, dass es sich hierbei keineswegs um einen Angriff gegen die Ehre Sacher-Masochs handle. Für Stefanowsky handelt es sich hierbei um eine äußerst intime Angelegenheit, bei der diese Bezeichnung mit Referenz auf einen Schriftsteller nicht angebracht scheint. Darüber hinaus zieht bereits Stefanowsky die Unterscheidung zwischen „le passivisme moral et le passivisme physique“. Es half jedoch alles nichts: Der an Sacher-Masoch angelehnte Begriff etablierte sich innerhalb kurzer Zeit nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen, sondern auch in der Umgangssprache. 1903/04 beruft sich auch Dr. E. Laurent in seiner Schrift Wollust und Leiden. Der Masochismus unter dem Unterpunkt „Psychischer Masochismus auf Sacher-Masochs Venus im Pelz (hier wird er interessanterweise bereits in eine Konzeption von Liebe eingebettet):

"Die Verehrung des geliebten Gegenstandes ist eine Erscheinung der normalen Liebe. Diese Erscheinung wird erst pathologisch, wenn sie sich in ein Verlangen nach Demütigungen und Misshandlungen umgewandelt hat. Sacher-Masoch hat diese Seelenverfassung ausserordentlich glücklich in seinem Roman „Venus im Pelz“ beschrieben. „In der Untreue der geliebten Frau liegt ein schmerzhafter Reiz, welche die höchste Wollust ist.“ Die körperlichen Misshandlungen und Flagellationen spielen in diesem Falle nur eine untergeordnete Rolle; die psychische Seite der Perversion überwiegt.“

Ebenfalls 1903 beschreibt Iwan Bloch den Masochismus als „sexuell betonte[r] Genuss am Erleiden von körperlichem und seelischem Schmerze“ – hier kommt, genau wie bei Laurent, eine seelische bzw. psychische Komponente ins Spiel, wenngleich der Genuss selbst ein sexueller bleibt. Ausgehend von der Unterscheidung in psychischen und seelischen Schmerz geht Sigmund Freud noch einen Schritt weiter. Heißt es in seinen Drei Abhandlungen zur Sexualtherapie von 1905 noch ähnlich wie bei Bloch:

„In ähnlicher Weise (wie der Sadismus) umfaßt die Bezeichnung Masochismus alle passiven Einstellungen zum Sexualleben und Sexualobjekt, als deren äußerste die Bindung der Befriedigung an das Erleiden von physischem oder seelischem Schmerz von seiten des Sexualobjektes erscheint."

So unternimmt er 1924 in Das ökonomische Problem des Masochismus schließlich eine Dreiteilung:

"Er (der Masochismus) tritt unserer Beobachtung in drei Gestalten entgegen, als eine Bedingtheit der Sexualerregung, als ein Ausdruck des femininen Wesens und als eine Norm des Lebensverhaltens (behaviour). Man kann dementsprechend einen erogenen, femininen und moralischen Masochismus unterscheiden. Der erstere, der erogene Masochismus, die Schmerzlust, liegt auch den beiden anderen Formen zugrunde […]. Die dritte, in gewisser Hinsicht wichtigste Erscheinungsform des Masochismus ist als meist unbewußtes Schuldgefühl erst neuerlich von der Psychoanalyse gewürdigt worden, läßt aber bereits eine volle Aufklärung und Einreihung in unsere sonstige Erkenntnis zu. Der feminine Masochismus dagegen ist unserer Beobachtung am besten zugänglich, am wenigsten rätselhaft und in all seinen Beziehungen zu übersehen.“

Bemerkenswert ist hier, dass Freud betont, dass der „moralische Masochismus“ vom Sexualtrieb losgelöst ist:

„[…] der moralische Masochismus, ist vor allem dadurch bemerkenswert, daß […] [er seine] Beziehung zu dem, was wir als Sexualität erkennen, gelockert hat. An allen masochistischen Leiden haftet sonst die Bedingung, daß sie von der geliebten Person ausgehen, auf ihr Geheiß erduldet werden; diese Einschränkung ist beim moralischen Masochismus fallengelassen. Das Leiden selbst ist das, worauf es ankommt; ob es von einer geliebten oder gleichgültigen Person verhängt wird, spielt keine Rolle; […] der richtige Masochist hält immer seine Wange hin, wo er Aussicht hat, einen Schlag zu bekommen.“

Natürlich wird dieses Phänomen bei Freud durch ein unbewusstes Schuldgefühl und dem daraus resultierenden Strafbedürfnis erklärt. Eine erneut „geschlechtlich“ orientierte Definition gibt Marine-Stabsarzt Dr. med. Dammann 1919 (auch bei ihm wird der erlittene Schmerz in körperlich und „eingebildet“ unterteilt, die Wirkung ist jedoch auch bei ihm „geschlechtlich“:

"Man versteht darunter diejenige Art der geschlechtlichen Erregung, welche sich nur dann einstellt, wenn die betr. Person tatsächliche oder auch nur eingebildete Schmerzen zu erdulden hat.“

1928 gibt noch Franz Scheda eine etwas andere Definition, wenn er den Masochismus beschreibt als

„[…]die Sucht, das Verlangen, das eigene Ich einer anderen Person unterzuordnen, derartig unterzuordnen, daß man selbst die grausamsten Demütigungen über sich ergehen läßt. Die unwürdigste, erniedrigendste Behandlung des Masochisten bereitet ihm einen sinnlichen Genuß. Nur die Frau, die ihn schlägt und demütigt, hat erotischen Reiz für ihn […]. Wir haben gesehen, daß das Wesen des Masochismus darin besteht, daß ein Mensch sich vor der geliebten Person bis zur Selbstentäußerung demütigt und erniedrigt.

Hier wird das Resultat der Handlung als „sinnlicher Genuß“ bezeichnet, der Reiz des weiblichen Gegenübers als „erotisch“. Das „Wesen des Masochismus“ wiederum liegt im Masochisten, der „sich […] demütigt und erniedrigt“.


Abschließend ist noch das spannende Detail hinzuzufügen, dass beispielsweise Freud bei seiner Analyse des Masochismus nur den Mann als Betroffenen heranzieht. Der weibliche Masochismus sei nämlich in seiner ganzen Breite ohnehin überschaubar. Natürlich: Das Weib unterwirft sich von Natur aus, während diese Neigung - ob nun moralisch, sexuell oder sonst wie - beim Mann widernatürlich sein muss. Der weibliche Masochismus ist für Freud kein allgemeines Phänomen, das es wert wäre, untersucht und betrachtet zu werden. Es ist eine natürliche Erscheinung im Wesen der Frau, die so selbstverständlich ist, dass sie keiner Betrachtung lohnt.

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